Exhibition Daniel Boulogne

Daniel Boulogne
" The Berlin Wall "

Caen Memorial - DHM

I - From Paris
II - Through East border
III - "Rabbit For Ever"
IV - Just in front the Wall

 

II - Through East border

Wie habe ich es fertig gebracht, auf die andere Seite der Mauer zu kommen ? Die Antwort ist : ohne mich besonders angestrengt zu haben. Unglaublich ? Ja, unglaublich, aber wahr.

Dieses veraltete " Palace Hotel " war zum Treffpunkt der Welt geworden. Hier wurde Geschichte gemacht : was das Berliner Kapitel angeht, wurde in diesem verstaubten Luxushotel mit seinen vergilbten, bis auf den letzten Faden abgenutzten Teppichen und seiner von den Wänden abblätternden Farbe Geschichte geschrieben. Eines der wichtigsten Geschehnisse des 20. Jahrhunderts - der Zusammenbruch der Berliner Mauer, die mit ihrem Fall die ganze Sowjetunion mit sich riss - spielte sich in diesen Mauern ab, die aus der Zeit Preussens im 19. Jahrhundert stammten. In der Nähe des Brandenburger Tors, hatte der " Schweizerhof " seine glorreiche Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gehabt, als hier Marlene Dietrich im " Blauen Engel " triumphierte.

toto  
Die Sprache allein war schon ein unüberwindbares Hindernis : wir waren von den anderen und von den Geschehnissen hermetisch abgetrennt, wie hinter einer Betonwand. Verzweifelt rief ich in die Menge : " Gibt es denn niemanden hier, der französisch spricht ? " Da tauchte unser Retter aus der anonymen Menge auf. Jean Pichard arbeitet am französischen Institut in Berlin. Der Prototyp des etwas verrückten Intellektuellen. Ich habe ihm meine Geschichte erzählt : die Nachrichten im Radio, die Farbtöpfe, die Gerüste, die Pinsel und das alles blockiert am Fusse der Mauer. Er hat mir zugehört und gesagt :

Das ist ja eine tolle Geschichte. Das gefällt mir und ich werde euch helfen.

Er hat sogar noch mehr getan : er hat uns als Übersetzer, als Führer, als Berater und Freund zur Seite gestanden.

Language too is an insuperable barrier. This was a real Tower of Babel, and it was as good as a reinforced concrete Wall for keeping us apart from everyone else. I shouted in utter desperation: "Is there anyone here can speak French?".  This was the cue for our saviour to come forward out of the faceless crowd. Jean Pichard works at the French Institute in Berlin. The prototype of the rather independent intellectual. I gave him my full story: the news flash on France-Info, the stock of paint, the scaffolding, the brushes, the whole lorryload standing idle at the foot of the Wall. He listened and then said:

- Sounds like a bit of a laugh. I'm going to give you a hand. He did a lot more than that; he acted as translator cum guide cum fellow traveller. He was my operator from start to finish.

  
    
Nachdem er es immer wieder versucht hatte, gelang es ihm, einen ostdeutschen Künstler ausfindig zu machen, Léo Wolf, der dem Verband der Künstler vorstand. Dieser Verband, der ehemals vom Staat kontrolliert wurde, war schliesslich von den abtrünnigen Künstlern übernommen worden, die einen frischen Wind und eine neue Kreativität in die moderne Malerei, die vom Staatsapparat vorgeschrieben worden war, bringen wollten.

By dint of perseverance he finally ferreted out a painter from the East, Leo Wolf, who was at the head of the Artists' Union. To begin with, this association was under State control, before falling into the hands of some anti-establishment artists who were trying to breath the wind of modern art through the gaps in the wall of official academicism.

As I had heard on France-Info, Leo Wolf and his friends had decided to paint the Eastern side of the Berlin Wall.

But what were they to paint it with? In East Germany, any orders for supplies were centralized in Leipzig by a State company and passed through cooperatives that were under government control.

This led to shortages. Some colours were not available and so, to carry on painting, artists had to invent themselves a Blue Period or a Pink Period. Which just goes to show what a blessing for them my initiative was, like manna from heaven.

So we arranged to meet up late the following morning, on the eastern side.

 
Léo Wolf und die Seinen, gestärkt durch diesen ersten Erfolg, hatten die Radiostation France Info darüber informiert, dass sie die Ostseite der Berliner Mauer bemalen wollten.

Aber mit welchen Mitteln ? In Ostdeutschland wurden alle Bestellungen in Leipzig durch eine Firma im Staatsbesitz zentralisiert, über Kooperativen laufend die vom Staat kontrolliert wurden.

Resultat : Verknappung. Manche Farben gab es überhaupt nicht und um überhaupt malen zu können erfanden manche Maler eine blaue oder eine rosa Phase. Das erklärt vielleicht auch, dass ihnen meine Initiative wie ein Geschenk des Himmels vorkam.

Leo Wolf and another seven or eight artists were looking out for us at Checkpoint Charlie and off we all went together for lunch at what they took for a restaurant. The inn was more like a warehouse. Concrete walls. Planks of wood for table tops. An impersonal décor, not even a "destroy" décor – which at least would have had some style. No, it was more like some dreary theatre set, or absence thereof. We were served chicken of breed unknown and unfit for human consumption, at least to a westerner's palate. I was completely dashed. Especially as there was still this language barrier, the barrier of foreign sounds that struck me deaf and dumb. I had written a book on Les raisons de la couleur (a pun on The grapes of wrath meaning "colour whys"), and another on painted walls and I had brought them along to explain to them who I was: someone who paints walls. Leo Wolf leafed through them. He looked like a hunted animal. He was thin, with hollow cheeks and a woollen hat that came down to his eyebrows. A wounded man who saw art as a war against oppression, not a bit the elegant bohemian arty type.

  
 
Wir haben beschlossen, uns am nächsten Vormittag im Osten wiederzusehen.

Sieben oder acht Künstler warteten mit Léo Wolf am Checkpoint Charlie und wir sind alle zusammen zum Mittagessen in ein Lokal gegangen, das ihrer Meinung nach ein Restaurant war. Es war meiner Meinung nach ein Schuppen mit Betonmauern. Bretter wurden als Tische benützt, keine Dekoration, noch nicht mal " destroy ", was wenigstens ein Stil gewesen wäre. Nein, eher ein heruntergekommenes Theater. Man hat uns Hähnchen serviert das seinen Namen nicht wert und für westlichen Geschmack ungeniessbar war. Ich war sehr niedergeschlagen. Vor allem, da die Sprachbarriere immer noch zwischen uns stand, diese Mauer einer fremden Sprache, durch die ich taub und stumm wurde. Ich habe ein Buch über den " Verstand der Farbe " geschrieben und ein anderes über bemalte Hausmauern, um zu erklären, wer ich bin : jemand der Wände bemalt. Léo Wolf hat sie durchgeblättert. Er ähnelte dabei einem verfolgten Tier. Er war mager, hohle Wangen, eine Strickmütze bis zu den Augenbrauen ins Gesicht gezogen. Ein leidender Mensch, für den Kunst der Kampf gegen die Unterdrückung war und nicht jene Art Künstler ,die gerne als bohème und chic auftreten.

Sie unterhielten sich angeregt, ohne dass ich auch nur ein Wort, geschweige denn einen Satz verstand. In diesem Moment ist mir klar geworden, was die Mauer wirklich bedeutete. Sie teilte nicht nur eine Stadt, sie trennte nicht Berlin und Berlin - sie legte eine Grenze zwischen zwei Welten fest und diese Grenze ging auch gleichzeitig durch die Köpfe. Ich hatte eine spontane Geste getan, aus dem Instinkt heraus. Eine freie Handlung ausgeführt. Künstler wollten die Mauer bemalen und ich hatte ihnen Farbe und Pinsel gebracht.

Etwas ganz Natürliches, wenn man einer Welt Eigeninitiative angehört.

Aber sie konnten das nicht so verstehen, diese Grosszügigkeit war für sie nicht normal. In ihren Augen war ich ein Exzentriker. Sie wollten sich nicht auf die Mauer stürzen, wie ich mich auf die Farbeimer gestürzt hatte. Bevor sie etwas unternahmen, mussten sie sich untereinander einig werden. Sie mussten über die Aktion nachdenken, diskutieren und sich organisieren. Auch wenn sie mit dem Regime nicht einer Meinung waren, gehörten sie doch immer noch einer kollektivistischen Welt an. Ich war der perplexe Zuschauer eines von ihnen gewollten Abenteuers, das ihnen gehörte. Ich bekam Angst, dass sie ihre Pläne fallen lassen würden. Aber dem war nicht so : Sie hatten schon so lange mit dieser stetigen Überwachung gelebt und gelernt, die Macht zu hintergehen, die, wie die Mauer, bisher nur angeschlagen war.

In der Nähe des Potsdamer Platzes war ein Teil der Mauer niedergerissen worden, aber der Durchgang war durch einen unablässigen Fluss von Fussgängern verstopft. Autos kamen hier keine durch. Besser war es die offiziellen Durchgänge wie Checkpoint Charlie oder Bornholmer Strasse zu benutzen, auch wenn diese noch von den Vopos streng bewacht wurden. Schliesslich, haben unsere Gesprächspartner, nach längeren Beratungen, Ihren Plan fertiggestellt. Am nächsten Morgen würden wir die Sache angehen.

Alles oder nichts.

Noch vor einer Woche hätte die kleinste Aufschrift, das kleinste Graffiti auf der Ostseite der Berliner Mauer den Maler das Leben gekostet.

Es war sogar verboten zu fotografieren. Militärisches Geheimnis. Und jetzt ? Solange die Mauer noch steht, ist nichts erlaubt, aber niemand weiss mehr, was nicht erlaubt ist. In diese Bresche zwischen dem Illegalen und der Toleranz wollen wir springen.

Aber jetzt ging der Kampf erst los und auch da habe ich den Kräfteunterschied unterschätzt : eine Handvoll Aussenseiter gegen einen totalitären Staat. In meiner westlichen Blindheit und Freiheit hatte ich nach ihren endlosen Diskussionen geglaubt, dass sie sich von der marxistischen Dialektik einfach nicht freimachen konnten. Im Gegenteil, sie hatten die Lage richtig eingeschätzt : der offizielle Weg würde der einfachste sein. Am Checkpoint Charlie, immer noch von den Vopos mit ihren Kalaschnilows bewacht, war es menschenleer. Kein Fussgänger kam hier durch, weder nach Osten noch nach Westen. Ab und zu wurden Lastwagen aus dem Westen, die mit den richtigen Papieren und Stempeln ausgestattet waren, nach langen und gründlichen Kontrollen durchgelassen. Noch ein paar Tage und auch hier würden sich die Menschenschlangen vom Osten in den Westen wälzen.

Aber im Moment traute sich noch niemand am Checkpoint Charlie durchzukommen. Trotz allem, mit der ersten Bresche in der Mauer begannen auch die Vopos zu zweifeln. Es gab keine klare Situation mehr. Als ob sie fühlten was kommen würde : die Stille würde mit dem Fluss der Menschen in den Westen hinüber und den Hammerschlägen an der Mauer unterbrochen werden. Die Mauer würde absplittern und harmlos werden.

Aber noch gab es hier den Todesstreifen mit seinen Wachtürmen und den Wachposten. Joël hatte den Lastwagen im Niemandsland angehalten, einem unbebauten, dem Unkraut überlassenen Gelände, auf dem heute neue Wohnhäuser wie Champignons nach einem Gewitter gewachsen sind. Er stand dort und traute sich weder vor noch zurück.

" Rühr dich nicht vom Fleck ", habe ich ihm gesagt.

Ich bin mit Jean Pichard zurück in den Schweizerhof gefahren. In der Halle des Hotels war immer noch die gleiche aufgeladene Atmosphäre zu spüren. Wir haben zwei Kameramänner des Senders CNN mitgenommen. Wir wollten den Vopos in den Rücken fallen. Durch Léo Wolf hatten wir erfahren, welchen Übergang man als Fussgänger gefahrlos benutzen konnte. So sind wir nach einem Umweg auf die Ostseite von Checkpoint Charlie gekommen. Das Schwierigste war nun, den Lastwagen nach drüben zu bekommen. Die Kameramänner von CNN waren Feuer und Flamme. Sie haben ihre Kameras direkt hinter den Vopos aufgestellt und fingen an zu filmen. Ich versuchte in Richtung Lastwagen zu gehen aber sofort stellte sich ein Vopo mir entgegen. Er versperrte mir den Weg und drohte mir mit der Kalaschnikow. Es sah schlecht aus. Doch das Glück war mit uns. Während ich mit dem Vopo diskutierte hat ein 38-Tonner Joëls Lastwagen überholt, der immer noch im Niemandsland stand. Die Vopos gingen auf den 38-Tonner zu um ihn zu kontrollieren. In dem Moment ist es mir gelungen, zu Joël zu gelangen und auf das Trittbrett zu springen. Joël hat den 1. Gang eingelegt. Die Kameras waren auf den Lastwagen gerichtet, der sich langsam in Bewegung setzte. Ein Vopo kam auf uns zu.

Er zielte mit der Kalaschnikow auf mich. Ich zeigte auf die Kameras, die ununterbrochen filmten. Er schrie mir etwas auf deutsch zu. Ich versuchte, ihm auf französisch zu antworten. Alles hat sich zwischen uns mit Blicken abgespielt. Ich sah die Angst in seinen Augen, als er sich den Kameras zuwendete. Er hatte verstanden, dass falls er schiessen würde, die Kameras nicht einen Soldaten filmen würden der einen Befehl ausführt, sondern einen Mord, eine Hinrichtung, ein Verbrechen.

Er ist einen Schritt zurückgewichen und hat seine Waffe gesenkt. Wir hatten gewonnen.

Auf dem Bürgersteig auf der anderen Seite wartete eine kleine halb erfrorene Gruppe. Léo Wolf und seine Freunde. Sie warteten schon seit Stunden : aber Warten gehörte zu ihrem Leben. Léo Wolf ist auf mich zugekommen und hat mir einen kleinen Blumenstrauss überreicht. Diese Geste wärmt mir auch heute noch, nach 10 Jahren, das Herz, wenn ich daran zurückdenke. Unter seiner Wollmütze konnte ich seine lachenden Augen erkennen.

Alle zusammen sind wir zum Sitz des Verbandes der Künstler gefahren, um den Lastwagen auszuladen und um das Material in einem schmutzigen Keller zu lagern. Ich sehe sie noch wie sie vorsichtig jeden Farbeimer hochhoben als wäre es eine Goldmünze. Alles wurde sorgfältig nach Farben sortiert : Schwarz, die Blautöne, die Grüntöne, die Rottöne, die Gelbtöne bis zum Weiss. Dann haben sie die Pinsel, Gerüste, Plane und Drähte weggeräumt. Wie ich sie so beobachtete musste ich an das Weihnachten meiner Kindheit zurückdenken. Um das Auspacken der Geschenke so richtig auszukosten, packt man ganz langsam ein Paket nach dem anderen aus. Als alles aufgeräumt war, war es spät geworden, zu spät um mit der Mauerbemalung zu beginnen. Jetzt kam es auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht mehr an. Seit 28 Jahren roher unbefleckter Beton. Sie würden morgen mit dem Malen beginnen. Aber das hiess ohne mich. Berufliche Verpflichtungen erwarteten mich in Paris. Es war Zeit, Abschied zu nehmen.

Ich habe meine Abfahrt lebhaft bedauert. Hier wurde Geschichte geschrieben und ich sollte wieder nicht dabei sein.

Nun sollten die Schauspieler für den letzten Akt die Bühne betreten. Sie sollten mit ihren Farben das Ende der Tragödie gestalten. Ihnen gehörte die Bühne. Die Mauer war das Dekor ihrer Geschichte. Auch wenn ihre Öffnung und die Wiedervereinigung auch Teil unserer Geschichte ist.

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