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  Berichte über die Mauer

Monsieur de GUÉNYVEAU, Leiter der Politischen Abteilung der Französischen Militärregierung in Berlin, 14. August 1961, Documents diplomatiques français, Paris, Imprimerie Nationale, 1998, n° 71.

„Die Lage in beiden Teilen Berlins scheint derzeit ruhig. Die einzige Kundgebung, die gefährliche Ausmaße hätte annehmen können, war die gestern abend am Brandenburger Tor, wo sich mehrere Tausend Westberliner bis Mitternacht an der Sektorengrenze versammelt hatten. (…)

Dreizehn Übergänge sind noch geöffnet. Was die anderen betrifft, so sollen bereits an einigen dicke Mauern aus Stein errichtet und Gräben aufgerissen werden. Der S-Bahnverkehr zwischen West-Berlin und der Zone (z. B. Potsdam und Oranienburg) ist an der Sektorengrenze unterbrochen, die Schienen wurden auf manchen Streckenabschnitten demontiert (…) Zahlreiche Bahnhöfe im Ostsektor sind geschlossen.

Von Samstag 12 Uhr bis Sonntag 14 Uhr haben sich insgesamt 3700 Flüchtlinge in Marienfelde gemeldet. Gestern abend gab Brandt bekannt, daß sich weitere 800 im Laufe des Tages zwischen 10 Uhr morgens und 6 Uhr abends in der Aufnahmestelle gemeldet hätten.

Aber unser Geheimdienst gibt an, daß nur etwa fünfzig der registrierten Personen nach Schließung der Grenzen herübergekommen sind. Es ist anzunehmen, daß diese Zahl doppelt oder dreimal so hoch liegt, wenn man die Leute einrechnet, die direkt zu Freunden oder Familienangehörigen in West-Berlin gegangen sind (…)".


Erich HONECKER, Aus meinem Leben, S. 202-203 :

„Seit zwölf Jahren war die Grenze der DDR zu Berlin-West - mehr oder weniger auch zur BRD - offen. Es war, genauer gesagt, eine offene Grenze der gesamten sozialistischen Gemeinschaft zur kapitalistischen Welt. Welche Gefahren für den Frieden dies in sich barg, trat immer deutlicher zutage. Denn die Situation in und um Berlin-West konnte jederzeit ausgenutzt werden, um gefährliche internationale Spannungen und Konflikte hervorzurufen.

Das mitten in der DDR gelegene Berlin-West hat eine Grenze zu unserer Republik von 164 Kilometer Länge. Rund 45 Kilometer davon verlaufen zwischen Berlin-West und der Hauptstadt der DDR. Bis zum August 1961 war diese Grenze weder gesichert noch überhaupt zu kontrollieren. Sie verlief inmitten von Straßen, Häuserblocks, Laubenkolonien oder Wasserwegen. Bis zu einer halben Million Menschen passierten sie täglich. Aber Berlin-West stellte nicht irgendein Territorium innerhalb der DDR dar, sondern nach den Worten seiner regierenden Politiker die „billigste Atombombe", den „Pfahl im Fleische des Ostens", die „Frontstadt" des kalten Krieges. Dort trieben nicht weniger als 80 Spionage- und Terrororganisationen ihr Unwesen. Währungsspekulationen wurden von dort in großem Stil betrieben, um die Wirtschaft der DDR zu verletzen. In Berlin-West hatten sich Zentralen für die Abwerbung von Arbeitskräften aus der DDR etabliert. Ja, man konnte es begründet den Umschlagplatz eines regelrechten Menschenhandels nennen, für den gewissenlose Manager hohe Kopfprämien kassierten. Mitte 1961 hielten aggressive Kreise in der BRD und ihre Verbündeten in einigen anderen NATO-Ländern die Zeit für gekommen, erneut Unruhen in der DDR auszulösen. Mit einer als „innerdeutsche Polizeiaktion" getarnten Operation der Bundeswehr wollten sie den Provokateuren „zu Hilfe" kommen."


Ansprache Willy Brandts vor dem Schöneberger Rathaus, 10. November 1989.

„Dies ist ein schöner Tag nach einem langen Weg. Aber wir befinden uns erst an einer Zwischenstation. Wir sind noch nicht am Ende des Weges angelangt. Es liegt noch eine ganze Menge vor uns.

Die Zusammengehörigkeit der Berliner und der Deutschen überhaupt manifestiert sich auf eine bewegende, auf eine uns aufwühlende Weise. Und sie tut es am bewegendsten Ort, wo getrennte Familien endlich wieder ganz unverhofft und tränenvoll zusammenfinden.

(...) Als Bürgermeister der schwierigen Jahre von 1957 bis 1966, also auch der Zeit des Mauerbaus und danach, und als einer, der in der Bundesrepublik und für sie einiges zu tun hatte mit dem Abbau von Spannungen in Europa und mit dem jeweils erreichbaren Maß an sachlichen Verbindungen und menschlichen Kontakten, sage ich hier heute Abend meinen ganz herzlichen Gruß an die Berlinerinnen und Berliner in allen Teilen der Stadt und gleichermaßen an die Landsleute drüben wie hüben in beiden Teilen Deutschlands, und ich füge hinzu: es wird jetzt viel davon abhängen, ob wir uns - wir Deutschen hüben und drüben - der geschichtlichen Situation gewachsen erweisen.

( ... ) Meine Überzeugung war es immer, daß die betonierte Teilung und daß die Teilung durch Stacheldraht und Todesstreifen gegen den Strom der Geschichte standen. Und ich habe es noch in diesem Sommer zu Papier gebracht, ohne daß ich genau wußte, was im Herbst passieren würde: ‚Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen’.

( ... ) Ein Stück von jenem scheußlichen Bauwerk könnte man dann von mir aus sogar als ein geschichtliches Monstrum stehenlassen. (..) Denen, die heute noch so schön jung sind, und denen, die nachwachsen, kann es nicht immer leicht fallen, sich die historischen Zusammenhänge, in die wir eingebettet sind, klarzumachen.

(…) Damals, im August 1961, haben wir nicht nur im Zorn gefordert, die Mauer muß weg. Wir haben uns auch sagen müssen: Berlin muß trotz der Mauer weiterleben. Wir haben die Stadt mit Hilfe des Bundes, was wir auch nicht vergessen wollen, wieder aufgebaut. Andere, die nach uns kamen, haben dem Wiederaufbau wichtiges hinzugefügt. Aber hier in Berlin war uns zusätzlich zu allen innerstädtischen Aufgaben, zum Wohnungsbau und zum kulturellen und wirtschaftlichen Neuaufbau aufgetragen, den Weg nach Deutschland in und durch Berlin offenzuhalten.

(...) Ich sage noch einmal; nichts wird wieder so, wie es einmal war. Dazu gehört, daß auch wir im Westen nicht an unseren Parolen von gestern allein gemessen werden, sondern an dem, was wir heute und morgen zu tun, zu leisten bereit und in der Lage sind, geistig und materiell. Und ich hoffe, die Schubladen sind nicht leer, was das geistige angeht, ich hoffe auch, die Kassen sind nicht allzu leer. Und ich hoffe, die Terminkalender lassen Raum für das, was jetzt sein muß. Die Bereitschaft, nicht zu erhobenem Zeigefinger, sondern zur Solidarität, zum Ausgleich, zum neuen Beginn wird auf die eigentliche Probe gestellt. Es gilt jetzt, neu zusammenzurücken, den Kopf klar zu behalten, und das so gut wie möglich zu tun, was unseren deutschen Interessen ebenso entspricht wie unserer Pflicht gegenüber unserem europäischen Kontinent."


Pascale HUGHES, „1. Mai 1990, Die Demonstration des Wiedersehens", Libération, 2. Mai 1990.

„Die Kundgebung zum 1. Mai, im alten System eine Pflichtübung, lief zum ersten Mal seit vierundvierzig Jahren nicht so wohlgeordnet wie gewohnt ab. Es wurde darüber gescherzt. Die Arbeiterin eines Berliner Kombinats erinnerte sich: „Der 1. Mai war die einzige „Demo", die wir in der DDR kannten. Es war Pflicht hinzugehen. In Bussen wurden wir hingekarrt. Und dann marschierten wir zur Musik, einfach so.„

Die 1.-Mai-Demonstration 1990 sah anders aus. Zum ersten Mal seit 1946 hatten die Gewerkschaften in Ost und West ihre Kräfte vereint, und am Reichstag war Berlin eins. 60 000 Menschen aus Ost und West waren ausnahmsweise ohne Passierscheine über die noch zwischen den beiden Teilen der Stadt existierenden Sperranlagen gekommen, um dieses große Wiedersehensfest zu feiern. (…)

Seit den Tagen nach dem Mauerfall war Unter den Linden nicht mehr so viel los gewesen. Auf der breiten Allee, wo die Verdienten Arbeiter des Volkes nach Klängen alter Kampflieder der deutschen Arbeiterklasse marschierten, hatte der Westen seine Symbole ausgebreitet: Würstchenbuden, Mickey-Maus-Mützen, Marlboro-Sonnenschirme, Coca-Cola, Disco-Beschallung und staudenweise Bananen (…) Die Ostberliner waren gekommen, um das zu genießen, was der am Platz der Republik angebrachte Slogan verhieß: „Come together. Taste the West". Unbeirrbar und zu den Klängen von Schlagermusik vollzogen die grünlichgrau uniformierten, gestiefelten Wachposten am Ehrenmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus ihre Wachablösung im Stechschritt. (…)

Im Westen war die Berliner Alternativen- und Chaoten-Szene durch das aufgeladene Kreuzberg gezogen. Wie jedes Jahr befürchtete die Polizei Randale und Straßenschlachten mit Skinheads. Aber die Öffnung der Mauer und die Sicherheitsmaßnahmen an den Übergängen haben Unruhen verhindert."

 

 

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Inhaltsverzeichnis - Der geteilte Himmel

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