Coquelicot Die Farbe der Tränen
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  99 - Otto Dix

Otto Dix, Triptychon "Der Krieg", 1929-32, Tempera auf Holz, mittleres Tafelbild 204 x 204 cm, Seitenflügel jeweils 204 x 102 cm, Gemäldegalerie Neue Meister, Dresden.

© SESAM, Paris, 1998.

 
Der Tod
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99 - Otto Dix

Zwischen 1920 und 1923 arbeitete Dix an seinem Schützengraben, der von einem Kölner Museum gekauft wurde. Auf Grund der Empörung, die es bei zahlreichen Besuchern hervorrief, verschwand es jedoch wieder aus den Ausstellungsräumen, bevor es 1933 von den Nazis beschlagnahmt und wahrscheinlich vernichtet wurde. Im Vorjahr hatte Dix das sicher bedeutendste Werk geschaffen, das der Erste Weltkrieg je inspiriert hat, nämlich ein Triptychon nach dem Vorbild alter Meister. Das mittlere Tafelbild ist mit der Komposition des Schützengrabens verwandt, es zeigt eine Schreckensvision: in einem zerschossenen Schützengraben ist ein Soldat mit Gasmaske vor einem zerstörtem Unterstand der einzige Überlebende. Verwesende Leichen und ein an einem Ast hängendes Skelett umgeben ihn. Die Seitenflügel schildern den Abmarsch an die Front und die Rückkehr zweier Verwundeter. Die Predella stellt Schlafende - vielleicht sind es auch Tote? - dar, die in einem Zelt liegen.
Dix fügt in sein Werk Elemente ein, die an Grünewald, Altdorfer und Holbein erinnern. Das auf Holz gemalte Triptychon ist im Stil dieser alten Meister und mit betont realistischer Genauigkeit ausgeführt. Während die vorbereitenden Studien lediglich die Umrisse und den Aufbau des Werks festlegten, steigert das Gemälde die Veranschaulichung des verwesenden Fleisches, der Würmer und des Wundbrands bis zur Unerträglichkeit. Die Beine einer Leiche sind übersät mit Pusteln und eiternden Wunden wie beim Christus des Isenheimer Altars. Die Bildfläche ist voll von Leichen, Trümmer und zerrissenen Formen. Senkrecht aufsteigende Linien durchziehen sie. Sogar der Himmel ist bedrohlich: Wolken, rötliche Wirbel ziehen heran; sie sind eine Anspielung auf die Alexanderschlacht von Altdorfer und symbolisieren die Ausweitung der Katastrophe auf die gesamte Natur.
 

 
99-Dix"Es begann leise zu regnen. Mit dem Stahlhelm gelang es mir, ein wenig schmutziges Wasser zu sammeln. Ich hatte allen Richtungssinn verloren und konnte mir vom Verlauf der Front keinen deutlichen Begriff machen. Trichter reihte sich hier an Trichter, einer mächtiger als der andere, und vom Boden dieser tiefen Gruben aus konnte man nur Lehmwände und den grauen Himmel sehen. Ein Gewitter zog auf, seine Donnerschläge wurde übertönt vom einsetzenden Lärm eines neuen Trommelfeuers. Ich drückte mich eng an die Trichterwand. Ein Lehmklumpen traf meine Schulter; schwere Splitter fegten über meinen Kopf dahin. Allmählich verlor ich auch den Sinn für die Zeit; ich wußte nicht, ob es Morgen oder Abend war."

Ernst Jünger, In Stahlgewittern.