Coquelicot Die Farbe der Tränen
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  Das Zeitalter der Artillerie

"Der Geschützdonner wird immer heftiger und verschmilzt zu einem einzigen Grollen der Erde. Auf allen Seiten werden Geschosse abgefeuert, schlagen ein und werfen Streifen dumpfen Lichtes über den dunklen Himmel über unseren Köpfen. Dann wird das Feuer so gedeckt, daß es ständig hell bleibt. In diesem ununterbrochenen Grollen kann einer den anderen sehen, triefende Stahlhelme, glänzend wie Fische, dunkle, eiserne Spaten, sogar die weißschimmernden Tropfen des nicht enden wollenden Regens werden sichtbar: Es ist wie eine durch Kanonen erzeugte Vollmondnacht." So beschrieb Henri Barbusse ein nächtliches Gefecht an der Front im Artois im Jahre 1915: eine Spuklandschaft. Derartige Schilderungen enthalten alle Bücher, Erzählungen, Romane, Korrespondenzen, die vom Ersten Weltkrieg handeln. Die mörderische Blindwütigkeit der Artillerie, der Maschinengewehrgarben, der Bomben, der Splitter, die verheerende Wirkung eines einzigen Geschosses versetzten die Soldaten in lähmende Todesängste, trieb sie in den Wahnsinn. Ob bei der Marneschlacht, welche die Franzosen dank der 75-mm-Kanone für sich entscheiden konnten, bei den Feuergefechten über die Frontlinien hinweg oder auch Anfang 1918 beim Beschuß von Paris aus großer Entfernung - die Kanone beherrschte den Krieg - eine Maschine, die Maschine par excellence, gefühllos, unermüdlich, nebst ihren Bedienern und ihren Lafetten. Sie wurde zum Sinnbild des Materialkriegs: Rüstungsfabriken wurden benötigt, die Geschosse am laufenden Band produzierten, Gießereien, die Rohre und Lafetten herstellten, ballistische Berechnungen zur Bestimmung der Wurfbahn und des Schußwinkels. Der Artilleriekrieg war der Krieg der Ingenieure und Fabrikherren - und des enormen Einsatzes von Material und Menschen.
Die Produktion von schweren Geschützen stieg in Frankreich von 300 Stück im Jahre 1914 auf 5 200 Stück im Jahre 1918, bei 75-mm-Geschützen stieg sie von 3 900 auf 5 600 im selben Zeitraum. Neues Kriegsmaterial wurde entwickelt. Die Feldartillerie büßte ihre herausragende Rolle zugunsten der schweren Artillerie und der sogenannten "Grabenartillerie" ein. Hier noch einige Zahlen: Gegen Kriegsende dienten 600 000 Mann bei der Artillerie und 1 Million bei der Infanterie. Bei der französischen Offensive zum Ausbau der Stellungen bei Verdun im August 1917 wurden in drei Tagen drei Millionen Geschosse verbraucht. Allein am 26. September 1918, als versucht wurde, die deutsche Front in der Champagne zu durchbrechen, wurden 1 375 000 Geschosse vom Kaliber 75 abgefeuert, das heißt ein Viertel der 1914 vorhandenen Lagerbestände dieses Kalibers. Eine letzte Zahl: Die durch die Artillerie verursachten Zerstörungen beliefen sich im Ersten Weltkrieg auf 67 % der Gesamtquote. Bis dahin lagen sie bei 15 %. 

Geschütze

Kanonen wurden mehr als Maschinengewehre oder anderes Kriegsmaterial bildlich dargestellt. Sie wurden fotografiert - darauf wird noch zurückzukommen sein - aber sie wurden auch gemalt. 

Explosionen

Bereits in den ersten Kriegstagen konnte sich die Zivilbevölkerung im Hinterland durch Fotografien eine Vorstellung vom Krieg machen, die Bilder waren fast immer dieselben: Geschoßeinschläge, Rauchfahnen, Granattrichter. Während des ganzen Krieges kehrten diese Bilder immer wieder, die Soldaten scheuten kein Risiko, um möglichst beeindruckende Aufnahmen im richtigen Moment und wenn möglich aus nächster Nähe zu machen. Von Maurice Genevoix stammt folgende Geschichte über Boquot, Leutnant der Pioniere in Les Eparges,: Bei einem Torpedoangriff ging er nicht in Deckung, sondern wartete, "seine Kodak um den Hals und fotografierte die Einschläge", bis "die gewaltige Säule aus Dreck und Rauch (…) immer weiter emporstieg und dreißig Meter hoch über der Erde hin- und herwankte." Als der Beschuß vorbei war, "lachte Boquot wie wir, liebkoste seine Kodak und murmelte beruhigt: 'Schöne Fotos hab ich da gemacht! Ich werd' sie auch an die renommierte Illustration schicken, heimlich, mit meinen Initialen … Nicht übel, diese Aufnahmen, was?'"
Zahlreiche Fotografien, unzählige Berichte, aber was war mit den Malern und Graphikern? Wie konnten sie so rasche, gewaltige Ereignisse festhalten, die Geschwindigkeit und den tosenden Lärm wiedergeben? Mehrere Möglichkeiten boten sich an, vom unförmigen Tuscheklecks bis zur strahlenden geometrischen Figur. 


Le Miroir 9. Mai 1915  

Einöde und Hölle

Das Feuer schuf eine neue Landschaft, farblos und ohne Anhaltspunkte. Als Jean Hugo im Frühjahr 1915 zum ersten Mal an die Front ging, entdeckte er im Morgengrauen das Schlachtfeld: "So weit das Auge reichte, war die Ebene zerfurcht, umgepflügt, als ob ein Wahnsinniger am Werk gewesen wäre. Das Geflecht der Gräben schien das Gras mit einem an vielen Stellen zerrissenen weißen Netz zu bedecken. Mitten in dieser Landschaft ein riesiger Trümmerhaufen aus Steinen und Balken, aus dem hier und da ein Haus oder ein noch belaubter Baum emporragte: das war La Targette. Ein Stück weiter verkohlte Baumstämme, ein paar weiße Steine: das war Neuville-Saint-Vaast (…) Tausende Menschen befanden sich in dieser Ebene, ich sah einen einzigen. Er lag auf dem Bauch, das Gesicht im Gras: Er war tot." Jean Hugo, Le regard de la mémoire, 1914-1945, Actes Sud, 1983.

Der Totale Krieg . . .

      Geschütze
34 - Roger de La Fresnaye
35 - Gino Severini
36 - Gino Severini
37 - Paul Nash
38 - Percy Wyndham Lewis
39 - Armin Horovitz 

    Explosionen
40 - André Dunoyer de Segonzac
41 - George Grosz
42 - Max Beckmann
43 - C. R. W. Nevinson und
      Henri Gaudier-Brzeska
44 - C. R. W. Nevinson
45 - George Grosz
46 - Félix Vallotton
47 - Paul Nash 

    Einöde und Hölle
48 - Félix Vallotton
49 - Oskar Kokoschka
50 - Jacques Villon
51 - John Nash
52 - Paul Nash
53 - Georges Leroux